Arbeit - Arbeitgeber - Inklusion - Jumbo - Arbeit für Behinderte - Jumbo-Markt AG

Evaluation Jumbo-Contactors

Untersuchung im Rahmen einer Masterarbeit

Wie die Win-Win Situation für Mitarbeitende, Geschäftsleitung und Rollstuhlfahrer bei der Jumbo-Markt AG zustande kam, und was dies für weitere Projekte bedeuten kann, haben im Auftrag der Muskelgesellschaft drei Masterstudierende der Erziehungswissenschaften und der Sozialen Arbeit genauer unter die Lupe genommen. Hier eine Zusammenstellung der Ergebnisse, illustriert mit Aussagen der Befragten.

 

Angepasste Stelle

Eine Arbeitsstelle für Menschen zu finden, die körperlich stark eingeschränkt sind, ist nicht einfach. Denn bereits einen Ordner aus dem Regal zu nehmen oder Artikel über den Kassenscanner zu ziehen, kann sich als unüberbrückbares Hindernis erweisen. Umso besser, dass die Stelle des Contactors bei der Jumbo Markt AG vorsieht, dass diese Personen ausschliesslich Kundenberatungen machen. Der Fokus der Arbeit liegt also auf dem Gespräch mit dem Kunden und den Kenntnissen von Laden und Artikeln.

«Das ist eigentlich eine spezifische Stelle, die man für zwei Rollstuhlfahrende schuf, die man nicht frisch erfunden, aber natürlich adaptiert hat.»

 

Suche nach Bewerbern

Sowohl für den späteren Arbeitgeber als auch für die Arbeitnehmenden im Rollstuhl wurde die Schweizerische Muskelgesellschaft als wichtiges Verbindungsglied wahrgenommen. Für die Jumbo-Markt AG war es mit Hilfe der Muskelgesellschaft möglich, die neuen Stellen gezielter bei potentiellen Mitarbeitenden zu kommunizieren.

Die Rollstuhlfahrer haben sich aufgrund der Stellenausschreibung durch die Muskelgesellschaft direkt angesprochen gefühlt. Sie sind davon ausgegangen, dass zumindest erste Fragen zum Thema Assistenz und Hindernisfreiheit geklärt sind.

 

Team

Die Rollstuhlfahrer werden als vollwertige Mitarbeitende wahrgenommen. Ihre Arbeit wird von den Mitarbeitenden und vom Kader als Entlastung eingestuft. Auch wenn sie für Assistenzdienste Zeit von Mitarbeitenden beanspruchen, überwiegt doch die Entlastung. Die befragten Mitarbeitenden äussern auch, dass sich durch die Zusammenarbeit mit den beiden Rollstuhlfahrern ihr Bild von Menschen mit Beeinträchtigungen und ihre persönliche Lebenseinstellung verändert haben.

«Wir haben es alle gut mit den Jungs. Und das habe ich ihnen angesehen, dass sie Freude haben am Arbeiten. So halt wie wir: Ganz normale Mitarbeiter!»

«Ich habe ein ganz anderes Bild davon. (…) Ich hatte ja keine Angst, aber man weiss halt nicht, wie man damit umgehen soll. Jetzt finde ich es ganz normal.»

 

Assistenz

Assistenz zu leisten heisst, die Personen in ihren persönlichsten Verrichtungen zu unterstützen. Das ist für viele mit Unsicherheit und Scham verbunden. Hier konnten dank der offenen Art der Rollstuhlfahrer und der Offenheit der Mitarbeitenden individuelle Lösungen auf freiwilliger Basis gefunden werden. Informationen zum allgemeinen Umgang mit Personen mit starker körperlicher Einschränkung könnten hier bei den Mitarbeitenden noch schneller Hemmschwellen abbauen, wie folgende Aussage zeigt:  

«Nötig gewesen wäre am Anfang so ein kleines Päckchen an Informationen, wie Knigge-Regeln.»

 

Arbeitgeber

Die Haltung der Firmenleitung aber auch der weiteren Führungsebenen ist evident für die Akzeptanz eines solchen Projekts und trägt wesentlich zum Gelingen bei. Wünschenswert sind betriebliche Personalkonzepte, die Behinderungen reflexiv mit einschliessen, statt auf zufällige Integrationsprozesse zu vertrauen. HR-Verantwortliche lassen sich gerne von ihren subjektiven Einschätzungen oder früheren Erfahrungen leiten, auch wenn sich Rahmenbedingungen (z.B. die IV-Gesetzgebung) verändert haben.

«Es ist ja auch unsere Aufgabe als Vorgesetzte oder als Vorbild, in diesen Punkten die anderen zu überzeugen.

Aber wenn das Kader nicht dahinter steht, respektive der Geschäftsführer nicht dahinter steht, dann funktioniert das nicht.

Es hat mich stolz gemacht, dass ich in einer Firma arbeiten kann, die so etwas macht.»

 

Arbeitnehmer

Auch wenn eine Stelle für Personen mit starker körperlicher Einschränkung zusammengestellt wurde, ist nicht jede körperlich eingeschränkte Person die richtige Besetzung für diese Stelle.

Eine Stelle im 1. Arbeitsmarkt kann neue Kontakte und Entwicklungsmöglichkeiten mit sich bringen, fordert aber auch Flexibilität und Kreativität im Umgang mit anderen Personen, in der Planung von Unterstützung und der Benutzung von Verkehrsmitteln.

 

Unterstützende Organisationen

Diesbezüglich sollte schon bei der Aus- und Weiterbildung angesetzt werden und nicht erst bei der Arbeitsintegration.

Weiter können Arbeitgeber proaktiv angegangen werden um sie über Potentiale von Betroffen sowie Rechte und Pflichten aber auch über Unterstützungsmöglichkeiten als Arbeitgeber zu informieren.

«[...] wir sind offen, wir sind bereit, aber es braucht auch [...] von Behindertengesellschaften ein proaktives Vorgehen. Ich hatte noch nie Kontakt mit irgendwelchen Assoziationen oder den Behörden, die uns gesagt haben: Wie wäre es damit?»

 

Weiterentwicklung

Die Stelle des Contacters wird kontinuierlich optimiert um den Gewinn für das Unternehmen und die Mitarbeitenden zu erhöhen. Die Mitarbeitenden im Rollstuhl machen Testfahrten durch umgestellte Ladenbereiche, um den Durchgang für Rollstühle und Kinderwagen zu testen oder teilen ihren Kolleginnen und Kollegen mit, wo Hindernisse den Weg verstellen.

Der Personaleingang soll rollstuhlgängig werden, damit auch die Rollstuhlfahrer nicht mehr über den Kundeneingang zur Arbeit kommen müssen.

 

Wo und wie das Projekt bei der Jumbo Markt AG weiter ausgebaut wird, ist noch nicht klar. Der Erfolg des Pilotprojekts motiviert jedoch, weiter zu denken und auch andere Firmen für ähnliche Projekte zu motivieren.

«Wir haben ein Unternehmensleitbild, wir haben es nicht gross im Unternehmensleitbild. Könnte ein Thema sein, ja, weil die Idee ist ja, dass wir diese Erfahrung weiterentwickeln. Wir sind daran zu schauen, ob wir noch ein paar andere potentielle Mitarbeiter motivieren könnten, aber so weit sind wir noch nicht, nein.»

 

 

Artikel bewerten

Artikel exportieren

Artikel als PDF herunterladen

Artikel merken

Artikel in "Meine Artikel" speichern

Artikel teilen

 

Artikel lesen

Jumbo - Jumbo-Markt AG - Muskeldystrophie Duchenne - Inklusion - Contacter

Inklusion ist keine Einbahnstrasse

Jan Oehninger arbeitet bei Jumbo-Markt AG als «Contacter«

«Die Stimmung gegen Andersartige war durchaus zu spüren,» erinnerte sich Jan, «sie

...
Artikel lesen

Gleichstellung - Integration - Inklusion

Inklusion

Was bedeutet das aber

...
Artikel lesen

Duchenne - Contacter - Muskeldystrophie Duchenne - Arbeit - Inklusion

Mitarbeiter im Rollstuhl bei Jumbo-Markt AG

Private Aktion zur Inklusion von Menschen mit einer Behinderung

Ihre Aufgabe besteht darin, die Kundschaft in diesem riesigen Laden zu den gesuchten Produkten zu führen. Bei rund 60‘000 Artikeln ist dies eine Herausforderung. Vornehmlich in Spitzenzeiten, samstags und montags, sind die

...
Artikel lesen

Arbeitsstelle - Jumbo - Inklusion - Arbeit - Jumbo-Markt AG

Arbeitsmarktintegration

Wie muskelkranke Menschen eine Arbeit finden

Seit Sommer 2015 arbeitet Jan Oehninger bei der Jumbo-Markt AG. Jan ist von der Muskeldystrophie Duchenne betroffen und dauerhaft auf einen Elektro-Rollstuhl angewiesen.

Wie dieses schöne Beispiel für gelungene

...

Folgende Artikel könnten für Sie auch interessant sein

Artikel lesen

Inklusion - Arbeit - Jan Oehninger - Contacter - Jumbo

Mitarbeiter im Rollstuhl bei Jumbo-Markt AG

Private Aktion zur Inklusion von Menschen mit einer Behinderung

Ihre Aufgabe besteht darin, die Kundschaft in diesem riesigen Laden zu den gesuchten Produkten zu führen. Bei rund 60‘000 Artikeln ist dies eine Herausforderung. Vornehmlich in Spitzenzeiten, samstags und montags, sind die

...
Artikel lesen

Betreuung zuhause - Betreuung - ALS - Fachreferate - Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)

Schulmedizinische Behandlungsstandards und alternative Therapieansätze

Im Rahmen des 5. ALS-Tag 2012

Herr Neuwirt informiert im ersten Teil über die schulmedizinischen Standarts 2012, euopäische Leitlinien sowie Multidiszipinäre Therapieansätze (4.7 MB).

Im zweiten Teil der Präsentation geht er auf alternative Therapieansätze ein und bietet Entscheidungshilfe für oder gegen eine mögliche Therapie an (2.8 MB).

Artikel lesen

Soziales - Sozialversicherung - Assistenz - Assistenzbeitrag

Evaluation Assistenzbeitrag: Zwischenberichte

Mitteilung des Bundesamt für Sozialversicherungen

3. Zwischenbericht

Bern, 15.08.2016 - Der Assistenzbeitrag wurde am 1. Januar 2012 im Rahmen der IVG-Revision 6a eingeführt und hat zum Ziel, die Selbstbestimmung und Lebensqualität der Bezüger/innen zu stärken. Die Evaluation des Assistenzbeitrags läuft bis 2017, ein erster Zwischenbericht dieser Evaluation wurde bereits im Juni

...